30.04.2012

Eine Sonate für das Album von Frau M. W.

Eine Sonate für das Album von Frau M. W.Eine Sonate für das Album von Frau M. W.
Sonate Nr. 3 in As-Dur für Klavier (WWV 85)



⌂ 1853 

Klaviersonate  


Diese Album-Sonate für Klavier zu zwei Händen (Ruhig - Ruhig wie vorher - Nach und nach wachsende Bewegung - Erstes Zeitmaß) war ein Geschenk von Richard Wagner an Otto und Mathilde Wesendonck.


Dieses Klavierwerk ist Wagners letzte Sonate - im Stil der Romantik komponiert. Seine beiden früheren Sonaten sind noch von Beethoven beeinflußt. 1878 wurde dieses Stück bei B. Schott's Söhne, Mainz, veröffentlicht.

Eine Sonate für das Album von Frau M. W.
componiert im Jahre 1853 von Richard Wagner.
Mainz. B. Schott's Söhne 1878.

Diese einsätzige Sonate (pf; 3/4 ruhig) wurde am 20. Juni 1853 an Otto Wesendonck mit dem Vermerk gesendet:
Um mein neues Schuldverhältnis zu Ihnen würdig und vertrauenerweckend anzutreten, zahle ich heute eine alte Schuld: geben Sie Ihrer Frau die beiligende Sonate, meine erste Composition seit der Vollendung des Lohengrin (es ist 6 Jahre her!) [2]
Die Sonate trägt die Aufschrift:
Sonate
für
Mathilde Wesendonck
und in der Kopfzeile ist als Motto vermerkt:
Wisst ihr wie das wird? 

Dieses Werk und der dazugehörige Brief vom 20. ist eine Antwort Wagners auf Ottos Großzügigkeit. Er hatte als Darlehen eine Summe auf zu erwartende Berliner Einkünfte ihm zukommen lassen. (vgl. Brief vom 11. Juni 1853.)

Die Album-Sonate wurde 1878 veröffentlicht, um die Schulden bei Wagners Verlag B. Schott's Söhne zu tilgen (vgl. auch RISM-OPAC: externer Link 1860, externer Link 1870) (22431, vgl.: externer Link Hofmeister XIX Monatsberichte).
Der offizielle Titel dieses Stückes ist Eine Sonate für das Album von Frau M. W. (Titelseite) und über den Noten steht Album-Sonate. Es gibt weitere Bezeichnungen, die nur z. T. von Wagner selbst stammen. So nannte sie Wagner im oben erwähnten Brief vom 20.06.1853 einfach Sonate. Der Autograph selbst trägt diese Bezeichnung: Sonate für Mathilde Wesendonck. Cosima "erfand" weitere, z. T. auch abwertende Bezeichnungen, die in ihren Tagebüchern und Briefen nachlesbar sind: Skizze einer Sonate (Frau Wesendonck gewidmet), Skizze zu einer Sonate für das Album von Frau W. oder auch als Fantasie.
Die früheste Bezeichnung, "Sonate", ist die deutlich traditionellste und zugleich anspruchvollste, während die beiden folgenden Titel den Kompositionsanspruch auf ein Minimum zu reduzieren suchen. Dieser Unterschied wiederholt sich in gemilderter Form in den veröffentlichten Varianten: Bedeutet bereits der Funktionszusatz "für das Album" eine Zurücknahme des für die Sonate gattungskonstituierenden absolut-musikalischen Charakters, so fügt die Kontraktion der Begriffe Sonate und Album zu dem Wort "Album-Sonate" dieser Tendenz die der Sonate geradezu konträre Assoziation des Kleinen, Unbedeutenden hinzu. Als "Fantasie" dagegen wird die Komposition in den Zusammenhang des romantischen Klavierstücks verwiesen. [3]


Hofmeister XIX, Februar 1878, p. 52

Dieses Stück wurde von externer Link Wikipedia Karl Müller-Berghaus (* 1829 - † 1907) für Orchester bearbeitet und ebenfalls hier veröffentlicht. Die Spielzeit beträgt ca. 10 Minuten. 
[3 (2. auch Picc., 3. ad lib.) · 2 · Engl. Hr. · 2 · Bassklar. · 2 - 4 · 2 · 3 · 1 - P. - Hfe. - Str.]


Video bei YouTube (12:08), Klavier: Deanna Moore.


Später nannte er lt. den Tagebüchern seiner zweiten Frau Cosima dieses kleine Werk eine elegante Nichtigkeit [15. Dezember 1877, 4], obwohl es als gehaltvollstes Werk für Klaviersolo gilt. Zur Matinée am 03.11.2013 im Rahmen der Ausstellung externer Link Die Wesendoncks in Bonn? spielte Felix Wahl dieses Stück.

Am 30. August 1877 notierte Cosima in ihrem Tagebuch:
Er spielt mir die Sonate für Math. Wesendonck und lacht viel über deren »Trivialität«, wie er sich ausdrückt. Er habe nie eine Gelegenheitskomposition machen können, diese Sonate sei seicht, nichtssagend, das Albumblatt für Betty Schott künstlich – einzig beim Idyll sei es ihm geglückt, weil da alles zusammengefallen wäre, wie er es in der ersten Strophe des Gedichtes gesagt! [5]
Bereits am 23. September 1871 notierte sie zu diesem Stück:
Ich sage, ich möchte gern die Sonate kennen, die Frau Wesendonck hätte, »daran war nicht viel«, sagt er, »denn das habe ich für sie geschrieben, und immer, wenn ich mich hinsetze, um etwas zu machen, ist [es] kläglich ausgefallen ... [6] 
Und am 17. April 1878 schrieb sie:
Abends spielt uns mein Vater die Album-Sonate, an welcher R. wenig Vergnügen findet, »wenn es auch künstlich ist, so ist das Albumblatt von Betty Schott doch besser«. [7]

 

An dieser Stellen sollen ein paar Stationen der Herausgabe der Sonate genannt werden, soweit sie sich in Briefen und Tagebuchnotizen widerspiegeln. Sehr zu seinem Verdruß gelangte am 29.09.1877 in Berlin an einem Wagnervereinsabend die Sonate durch Wilhelm Tappert zum öffentlichen Vortrag. 
Cosima vertraute ihrem Tagebuch am 6. Oktober 1877 an:
R. ärgert sich sehr über die Produktion der Sonate in As dur und der »Grenadiere« in Berlin durch Herrn Tappert, er hält diese Kompositionen für seiner unwert und sagt, daß höchstens Fidi nach unserem Tode dies alles als »Kuriosum« wird herausgeben. [8]
Am 3. November 1877 schrieb Cosima in einem Brief an Dr. Strecker (B. Schott's Söhne) u. a. Folgendes:
Für die Jugendcompositionen und die 'Sonate' in Asdur machen Sie mir keinen Vorschlag. Ein Verleger (Bote & Bock) in Berlin frägt [!] eifrig nach der 'Sonate', und ersuchte er meinen Mann, seine Forderung für dieselbe zu stellen ... [9]
Am 10. November 1877 vermerkte Cosima in ihrem Tagebuch:
Herr Peters frägt nach Idyll, Sonate As dur und Ouvertüre C dur. Herr Strecker schweigt noch. [10]
In einem Brief vom 10. November schrieb der Verlag an Cosima:
Nach reiflicher Überlegung Ihres uns mit Ihrem sehr geschätzten Schreiben mitgeteilten Vorschlages haben wir uns entschlossen, denselben anzunehmen, nicht, wie wir Sie versichern können, um geschäftlichen Vorteils willen, sondern um Ihnen und dem verehrten Meister den Gedanken an die Schuld, die wir jedoch nie urgiert haben, zu benehmen.
Gemäß diesem Übereinkommen haben wir demnach mit ausschließlichem Eigentumsrecht zu empfangen:
    ...
    5. Skizze einer 'Sonate' (Frau  W e s e n d o n k  gewidmet).
    ...
Durch diese Überlassung werden wir dagegen unser Guthaben von M. 23 000 vollständig ausgleichen unter der Bedingung, daß uns eine anderweitige Entschädigung wird, wenn ein oder das andere der Jugendwerke nicht geliefert werden kann.
In der Hoffnung, gnädigste Frau, durch Annahme Ihres Vorschlages Ihnen und dem  M e i s t e r  einen wiederholten Beweis unserer aufrichtigen Verehrung gegeben und gleichzeitig beigetragen zu haben, soviel in unseren Kräften stand, des  M e i s t e r s  schaffensfreudige Stimmung zu erhöhen, versichern wir Sie, daß wir es als eine Ehrensache betrachten, die Verleger seiner Werke zu sein und zu bleiben
. [11]
Daraufhin antwortete Cosima in einem Brief vom 16. November 1877 Herrn Dr. Strecker u. a.:
Mein Mann geht auf Ihren freundlichen Vorschlag der Übernahme der verschiedenen Werke für 17000 Mark ein, nur mit der Bitte, die 2500 Mark für das 'Idyll' davon streichen zu wollen, wogegen er Ihnen die 6000 Mark, welche ihm von einem Verleger für das Werk angeboten worden sind, zusenden würde, und von seinem Schuldbetrag bleiben dann nur noch 2500 Mark, welche er denn hofft, in Bälde tilgen zu dürfen. Es wären also {alles zusammen 14500 Mark}:
    ...
    2. 'Skizze zu einer Sonate für das Album von Frau W.',
    ...
Wollen Sie mich wissen lassen, ob Ihnen dieser letzte Vorschlag genehm ist, damit [ich] die 'Fantasie' und die Ouvertüre zu den 'Feen' abschreiben lasse, die 'Träume' bitte ich, sich von Herrn Wilhelmj geben zu lassen, die 'Sonate' haben Sie. (Das Motto: "Wißt ihr, wie das wird") würde auszulassen sein. [12]
Am 15. Dezember 1877 wird Folgendes in ihr Tagebuch vermerkt:
Ganz erfüllt trete ich ein und finde R. unzufrieden durch Anzeige der Skizze zu einer Sonate, er möchte sie als Fantasie für das Album bezeichnet wissen, damit man die »elegante Nichtigkeit« verstünde; und ist überhaupt nicht zufrieden, daß es ohne Korrektur-Zusendung erschienen. [4]
Cosima schrieb noch einmal am 17. Dezember 1877 zur Sonate:
Was die Sonate in As dur betrifft, so möchte er [mein Mann] den Titel derselben so einrichten, daß man gleich erkenne, daß es eine Gelegenheits-Composition sei. [13]

 

Bilder:
  1. Vergrößern Eine Sonate für das Album von Frau M. W. componiert im Jahre 1853 von Richard Wagner. Mainz. B. Schott's Söhne 1878.

Quellen:
  1. Nach: Booklet CD: Richard Wagner und seine Zürcher Komponistenfreunde sowie Richard Wagner an Otto Wesendonk. 1852 - 1870. Alexander Duncker, Berlin 1905. 
  2. Brief Richard Wagners an Otto Wesendonck vom 20. Juni 1853
  3. Jahrmärker, Manuela: Eine Sonate für das Album von Frau M. W. Überlegungen zu Titel und Gattung von Richard Wagners Wesendonck-Sonate. In: Heister, Hanns-Werner (Hrsg.): Semantische Inseln - Musikalisches Festland. Für Tibor Kneif zum 65. Geburtstag. ZwischenTöne. Bd. 7. von Bockel, Hamburg 1997, S. 66. 
  4. Wagner, Cosima: Die Tagebücher. Band I. 1869 - 1877. Ed. u. komm. von Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack. R. Piper & Co. Verlag, München 1976, S. 1096. 
  5. Ebenda, S. 1069. 
  6. Ebenda, S. 442. 
  7. Wagner, Cosima: Die Tagebücher. Band II. 1878 - 1883. Ed. u. komm. von Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack. R. Piper & Co. Verlag, München 1977, S. 83. 
  8. A. a. O., Tagebücher I., S. 1075. 
  9. Altmann, Wilhelm (Hrsg.): Richard Wagners Briefe in Originalausgaben. Erste Folge VII / VIII. Briefwechsel mit seinen Verlegern. II. Briefwechsel mit B. Schott's Söhne. Verlag von B. Schott's Söhne, Mainz 1911, Nr. 216, S. 209. 
  10. A. a. O., Tagebücher I., S. 1084. 
  11. A. a. O., Briefe Nr. 217, S. 210.  
  12. A. a. O., Briefe Nr. 220, S. 212. 
  13. A. a. O., Briefe Nr. 231, S. 218.

Links:

Bibliografie: 
  • Jahrmärker, Manuela: Eine Sonate für das Album von Frau M. W. Überlegungen zu Titel und Gattung von Richard Wagners Wesendonck-Sonate. In: Heister, Hanns-Werner (Hrsg.): Semantische Inseln - Musikalisches Festland. Für Tibor Kneif zum 65. Geburtstag. ZwischenTöne. Bd. 7. von Bockel, Hamburg 1997, S. 63 - 74.


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